Die Kapelle

Quelle Ortschronik Bülten
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Viele Generationen bauten an der Bültener Kapelle
heute eine Stätte der Begegnung

Seitdem die alte Gotteshäuser in Adenstedt, Handorf, Groß Bülten und Solschen abgebrochen und durch Neubauten ersetzt wurden, ist die Kapelle zu Bülten der älteste Zeuge kirchlicher Baukunst in dieser Gegend. Sie steht mitten im Dorf und wird von hohen, alten Bäumen beschattet. Ihr genaues Alter läßt sich nicht mehr feststellen, da urkundliche Aufzeichnungen über ihre Gründung nicht vorhanden sind.

Im August 1361 stellte der Domprobst von Hildesheim ein Verzeichnis auf, in dem es heißtkapelle1, daß der Domprobstei ein Freigut (villacacione) und der Zehnte in Bülten gehören. 1382 besitzt die Domprobstei 7 Hufen Land in Bülten, und um diese Zeit wird auch die Bültener Kapelle schon vorhanden gewesen sein. Der Historiker H.D.A. Sonne vermerkt in seiner Beschreibung des Königreichs Hannover aus dem Jahre 1829, die Kapelle zu Bülten sei “ein Bruchsteinbau, dessen Tür mit einem Spitzbogen beschlossen” werde. Der Spitzbogen aber ist ein besonderes Merkmal der Gotik, jener Stilepoche aus dem Jahre 1240 bis 1480.

Ihr heutiges Ansehen erhielt die Kapelle in den Jahren 1690 bis 1692. Rund 40 Jahre nach dem dreißigjährigen Krieg gingen die Bültener daran, ihr kleines , graues Gotteshaus wieder würdig herzurichten, zumal die Kirchenrechnung des Jahres 1689 mit fast 200 Talern Überschuß abschloss. Aus den Kirchenrechnungsbüchern läßt sich auch die Baugeschichte der Klein Bültener Kapelle herauslesen.

1690 kaufte die Kapellengemeinde Eichen- und Tannendielen, Leim, Klinken, Hespen, Steine und Kalk ein. Den Kalk bezog man aus Königslutter am Elm. Das Fuder kostete drei Taler und 12 Groschen. Der Klein Bültener Bote, der den Kalk bestellt hatte, bekam neun Groschen. Die Königslutterschen Fuhrleute erhielten 6 Groschen Zehrgeld. Den gleichen Betrag bekamen die Maurer, die den Kalk löschten. Nachdem die Baumaterialien angeschafft worden waren, ging es los. Der Zimmermeister Berent Clages Vogdes zimmerte ein neues Gestühl. Nach fünf Wochen und einem Tag hatte er seine Arbeit vollendet. Er erhielt neun Taler und neun Groschen Lohn.

Der Tischler hatte auch fünf Wochen lang zu tun. Er verarbeitete 18 Dielen und drei Schock Lattennägel; sechs Groschen betrug sein Tageslohn. Bei diesen Arbeiten im Sommer 1690 muß es sehr heiß gewesen sein, denn der Tischler setzte allein für Branntwein in dieser Zeit fast 5 Taler auf die Rechnung.Tafel_Bank

Die von Zimmermeister Vgdes geschaffenen Kirchenbänke wurden erst 1950/51 durch neue ersetzt. An der Rückenlehne zur hinteren Bank hatte der Meister seinen Namen eingeschnitzt. Gleichfalls ließen sich die Altarmänner Caspar Stolten und Heinrig Legen mit der Jahreszahl 1690 dort verewigen. Die Rückenlehnen sind bei dem Umbau 1951 vor der Vernichtung bewahrt geblieben.

Nach Abschluß der Vorarbeiten kam 1691 der Amtmann Michael Kempis aus Peine zur Besichtigung (Rohbauabnahme?). Diesen Besuch ließ er sich mit 1 Taler und 16 Groschen vergüten. Ein Jahr lang ruhte dann der Bau, denn nach der Kirchenrechnung des Jahres 1691 wurden keine Handwerker beschäftigt.

Dafür aber griff man ein Jahr später tief in die Kasse. Der Zimmermann Berent Clages Vogdes erhielt für  eine Besichtigung 12 Groschen. An den Drost Hermann Stephan von Bockenrode zu Peine wurden 1 Taler und 16 Groschen für die Bewilligung von Bauholz aus dem Hämelerwald gezahlt, während sich der Vogt zu Hohenhameln, der auch Holzvogt über den Hämelerwald war, mit 18 Groschen zufrieden geben mußte. Dann kaufte der Kirchenvorstand 26 Tannen und 2 Fuder Dielen. Ein weiteres Fuder Kalk wurde angefahren, und die Maurer gingen an die Arbeit. Nach 30 Tagen wurden sie mit 11 Groschen pro Tag entlohnt. Zwei “Sagenschneider” zersägten die Tannen und Dielen und erhielten als Lohn 17 Taler.

Rund 300 Taler gab der Kirchenvorstand für die Renovierung in den Jahren 1690 bis 1692 aus. Wahrscheinlich ist die Kapelle bei dieser Gelegenheit etwas vergrößert worden. In der Klein Bültener Kapelle muß früher auch eine Kanzel gewesen sein, denn es heißt 1694 “Einen Deckel über die Cantzel gemacht”.

Nach dreijähriger Arbeit war ein Schmuckstück entstanden. Wie solide die Bültener gebaut hatten, wird dadurch unterstrichen, daß in den nächsten Jahrzehnten kaum Reparaturen notwendig waren.

Fast 100 Jahre blieb die Kapelle dann unverändert. Doch als in Hohenhameln, Soßmar und Bierbergen neue Kirchen mit großen Fenstern erstanden, die das Innere in ganz anderen Proportionen erscheinen ließen, bestellten auch die Bültener erneut Handwerker. So heißt es in der Kirchenrechnung aus dem Jahre 1785: “ Bau eines Fensters und  Vergrößerung zwei sehr kleiner Fenster. 14 Taler, 22 Groschen. 2 Maurer 5 Tage daran gearbeitet, macht 1 Taler und 24 Groschen. Blei, Nägel und 12 Bandeisen, dem Schmied dafür gegeben, 2 Taler, 24 Groschen.

1734 Konnte sich die Gemeinde auch eine neue Glocke leisten. In einem “Contract” wurden die Einzelheiten für die Herstellung und Bezahlung festgelegt:

Kunt undt zu wißen sey hirmit, daß heudte unten gesetzten Dato ein fester Contract zwischen mier Ende benanten Johan Kristian Kreidteweiß und der gemeinde zu Kleinen Bülten wegen umgießung ihrer glocken geschloßen worden

AIß

1. verspreche...[ich der] gemeinde Ihre glocken also zu verbeßern, daß kein Fehler, er mach haben nahmen wie er wolle, daran soll vorhanden sein noch gefunden werden, sondern eine recht gudte woll klingende glocke von mier ihm in den Thurm geliefert werden soll

2. besteht der Contract darin daß ein Jedes Centner an gewichte nembl. wie die neue glocke auf der wage wiegt zu 6 rtl. und an jeden Centner  Alten Abgang erkant, solcher aber an der neuen so viel...[Pfd.] darzu gethan werden zu 13 gr 4...[Pfg.] soll und muß bezahlt werden.

3. verpflichtet sich auch der ... Kreidteweiß zu der Caucion auf Jahr und Tag solcher Gestalt daß wan binnen der Zeit an der glocken ein schade er habe nahmen wie er wolle sich eußern solle er solche glocke so gleich unweigerlich will wiederum zu sich nehmen, und auf seine Eigenen Kosten sie in einen solchen Standt setzen, daß kein Thadell daran sein soll damit nun vorgesetzter Contract steiff und fest muß gehalten werden, hat obiger... Kreidteweiß der gemeinde nicht Allein gegen ihrer glocken, so viell von seinen gütern pro hypotica insetzen laßen dazu sie in allen schadloß zu halten von nöthen sondern auch nebest der gemeinde Eigenhändlich unterschrieben geschehen großen solschen d 14 Junio 1734.

Johann Kristian Kreydteweiß

Esaias Böeker
Melcher Ebelink
AIß bauermeister
in Nahmen der gemeinde

Trinkgelt vor die gesellen
20 pfund Flaß und 2 schock Eyer...

noch 2rtl. vor holtz

 

Auf dem gleichen Schriftstück bestätigte Kreidteweiß später, daß die Gemeinde ihm am 28. Oktober 1734 für die umgegossenen Glocke 65 rtl. 33mg bezahlt hat.

1792 drohte Gefahr, daß der kleine Dachreiter einstürzte. Seitdem die im Jahre 1734 gekaufte große Glocke dort hing, war der Dachreiter oft reparaturbedürftig. Die Reparatur kostete 63 Taler. Man hatte nicht soviel Geld in der Kasse und bezahlte den Betrag deshalb in zwei Raten.

Wieder hatte die Kapelle 100 Jahre Ruhe. Kurz vor 1900 wurde dann das wesentliche Drittel der Nordwand mit dem Eingang mit Backstein erneuert. So zeigt sich heute die Kapelle als ein Bau, an dem viele Generationen gearbeitet haben.

Den schönsten Schmuck der Kapelle bildeten einst die Totenkronen. In Bülten stellte man den Toten- einen alten Brauch entsprechend- eine aus Federn, Blattsträußen, Stoffblüten und feinen Drahtspiralen hergestellte Krone auf das Grab. Nachdem der Tote von der Kanzel abgelesen war, wurde diese Krone auf ein fransenbesetztes Kissen gesetzt, auf Bettkonsolen wurden durch ein rechteckiges  oder ovales Samttuch mit breiter Goldborte und der Goldborte aufgesticktes und genähten Namensinschrift des Toten verziert. Leider wurden diese Totenkronen 1951 restlos entfernt. Eine befindet sich heute noch im Magazin des Kreismuseums in Peine. Nach dem Bau der neuen Kirche wurden regelmäßige Gottesdienste in der alten Kapelle nicht mehr abgehalten. 1965 übergab die Kirchengemeinde die Kapelle an die politische Gemeinde, und im Februar 1967 beschloß der Gemeinderat eine erneute Renovierung dieser ältesten Zeugin aus der Bültener Vergangenheit. Sie wird in der Zukunft ihrer neuen Bestimmung als Ort der Begegnung bei Klön- und Diskussionsabenden sowie besonderen Feiern der Gemeinde dienen.

Doch in den letzetn Jahren wird die Kapelle auch wieder als Gotteshaus in Gebrauch genommen. Anläßlich der Renovierung der Markuskirche wurde am 30. Juni1990 dort an historischer Stätte ein Gottesdienst gefeiert, der auf große Resonanz der Gemeinde stieß. Im Jahr 1999 feierte die Gemeind anläßlich des “Festes rund um die Kapelle” einen Gottesdienst, was sie im nächsten Jahr wiederholte, diesmal gemeinsam mit den Katholischen Christen, die dort vor der Weihe der Markuskirche ebenfalls regelmäßig Gottesdienste gefeiert haben. Historischer Gottesdienst und “Fest um die Alte Kapelle” sollen in Zukunft alle zwei Jahre gefeiert werden. Auch dafür kann sich Bülten keine würdigere und schönere Stätte wünschen.

Seit einigen Jahren werden auch standesamtliche Trauungen in diesem historischen Gebäude auf Wunsch vollzogen.

 

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